Bauernendspiele aus vergangenen Winterthurer Schachwochen: Lösungen
Aufgabe 1:
Michèle Britschgi-Zwimpfer — Roman Freuler
Winterthurer Schachwoche 2006
Schwarz am Zug gewinnt
Lösung:
Der weisse König stoppt zuverlässig den Bauern h7 und hindert den schwarzen König daran, über h4 zum Bauern f3 vorzudringen. Es bleibt für Schwarz also nur ein Gewinnplan: er muss seinen König nach e3 bringen.
Dabei muss er freilich aufpassen, dass Weiss nicht währenddessen den Bauern f4 erobert. Zugang zu diesem Bauern hat Weiss über die Felder g4 sowie g5 und es liegt nahe eines von diesen durch den Bauern h7 zu kontrollieren. Nur welches?
A) In der Partie entschied sich Schwarz mit 65... h5? dem Weissen das Feld g4 vorzuenthalten. Nach 66. Kg2 Kf5 67. Kh3 Kg5 68. Kg2 Kh4 69. Kh2 Kg5 70. Kh3 Kg6 71. Kh4 Kh6 72. Kh3 Kg5 73. Kg2 Kf6 gab es allerdings kein Weiterkommen. Die kritische Stellung entsteht nach den Zügen 74. Kh3 Ke5 75. Kh4 Kd4 76. Kh5: Kd3? (dieser "Gewinnversuch" führt ins Verderben, 76...Ke5 würde noch zum Remis führen):

Die rot markierten Felder sind sogenannte "verminte Felder"; wer zuerst ein solches Feld betritt ist im Nachteil. Wer in dieser Stellung am Zug ist kann seinen Gegner "auf die Mine" zwingen, hier also der am Zug befindliche Weisse: 77. Kg5! Ke3 78. Kg4 (Zugzwang!) +-
B) Auch in der Gewinnvariante, die durch den Zug 65...h6! eingeleitet wird, entsteht ein Paar "verminter Felder" (im folgenden Diagramm rot eingezeichnet).

Betritt Schwarz zuerst e5, verliert er nach Kg4 einen Bauern; zieht hingegen Weiss zuerst Kg4, so gewinnt Schwarz mit Ke5 (Zugzwang!) ein wichtiges Tempo und kommt rechtzeitig zum Schlüsselfeld e3. Es folgt ein eleganter schwarzer Tanz um die "Mine" e5:
66. Kg2 Kf5 67. Kh3 Ke6! (67...Ke5? 68. Kg4! =) 68. Kh4 Kd5! (68... Ke5? 69.Kg4=) 69. Kg4 (69. Kh5 Kd4 70. Kh6: Ke3-+) 69... Ke5! (Zugzwang!) 70. Kh5 Kd4 71. Kg4 Ke3 -+
Aufgabe 2:
WGM Anna Zozulia — Ralph Buss
Winterthurer Schachwoche 2002
War es eine gute Entscheidung von Schwarz, hier mit 41... Sd1-e3+ 42. Kc4-b5 Se3xd5 43. e4xd5 in ein Bauernendspiel überzuleiten (in der Partie folgte übrigens 43... Kd6xd5 44. Kb5xb6 a5xb4 45.c3xb4 e5-e4 und noch 21 weitere Züge bis zum weissen Gewinn) ?
Lösung:
Auch wenn Schwarz in der Partie damit keinen Erfolg hatte: es war eine gute Entscheidung ins Bauernendspiel überzugehen.
Der Grund für die schwarze Niederlage war nicht etwa der Abtausch auf d5, sondern nach 41... Se3+ 42. Kb5 Sd5: 43. ed: der Zug 43...Kd5:?, denn am Ende des folgenden Bauernrennens 44.Kb6: ab: 45.cb: e4 46. a5 e3 47. a6 e2 48. a7 e1D zieht der weisse Bauer mit Schach ein 49. a8D+ und wie die Partie zeigte, ist der Freibauer b4 in diesem Falle einfach zu stark.
Die beste Fortsetzung nach dem Tausch der Leichtfiguren ist es den e-Bauern mit 43...e4! sofort laufen zu lassen, ohne vorher den Bauern d5 zu verspeisen. Danach hat Weiss zwei Möglichkeiten:
A) 44. Kc4?

44...b5!! Schwarz schafft sich einen weiteren Freibauern. 45. ab: e3 46. Kd3 a4 -+
B) 44. ba: ba: und erst nachdem die Möglichkeit b5!! aus der Welt geschafft ist der Zug 45. Kc4. Es ergibt sich ein forcierter Übergang in das Damenendspiel 45...e3 46. Kd3 Kd5: 47. Ke3: Kc4 48. Kd2 Kb3 49. Kd3 Ka4: 50.Kc4 Ka3 51. Kb5 a4 52. c4 Kb3 53. c5 a3 54. c6 a2 55. c7 a1D 56. c8D

in dem Schwarz einen Mehrbauern besitzt und den Vorteil, am Zug zu sein. Er sollte gute praktische Gewinnchancen haben, wenngleich Weiss durchaus nicht ohne Remischancen ist.
P.S.: Dem Übergang ins Bauernendspiel in der Ausgangsstellung aus dem Weg zu gehen bringt dem Schwarzen keinen Vorteil. Z.B.: 41...Kc7 42. ab: ab: 43. Kb5 Sc3:+ 44. Ka5: Kd6 45. Lb3 =.
Aufgabe 3:
Martin Leutwyler — IM Andreas Huss
Winterthurer Schachwoche 2002
Hier fand sich Weiss nach den Zügen 53. c4-c5 b6xc5 54. b4xc5 Kg5-f5 55. Kf1-e2 Kf5-e6 56. Ke2-e3 Ke6-d5 57. c5-c6 Kd5xc6 58. Ke3xe4 Kc6-d6 in einer verlorenen Stellung wieder, die Schwarz schliesslich gewinnen konnte.
Hätte Weiss noch einen Ausweg gehabt?
Lösung:
Weiss hätte sich noch retten können, wenn er anstatt des Partiezuges 53. c5?, der den c-Bauern unnötig schwächt, zum weniger verpflichtenden 53. Ke2 gegriffen hätte. Die Analyse lautet:
53. Ke2 Kf5 54. Ke3 g5
54...Ke6 leitet nach 55.Ke4: g5 56. c5 über zur Hauptvariante.
55. c5 bc: 56. bc: Ke6 57.Ke4:
Im Gegensatz zur Partie geht der Bauer c5 nun nicht sofort verloren und sichert dem Weissen das nötige Gegenspiel. Z.B.:
57... a6
Danach muss Schwarz sogar genau spielen; schnell zum Remis verflacht 57...h4.
58. c6 h4!
Alle anderen Züge verlieren für Schwarz: etwa 58...Kd6 59.c7 Kc7: 60. Ke5: +-
59. gh: gh: 60. Kf3 Kd6 61. Kg4 Kc6: 62. Kh4:
Schwarz kann sich nun den Bauern auf a2 abholen und Weiss den auf e5, aber das anschließende Bauernrennen sieht einen gleichzeitigen Zieleinlauf — die Stellung ist Remis.
Aufgabe 4:
GM Normunds Miezis — GM Petr Haba
Winterthurer Schachwoche 2006
Wie ist schliesslich dieses Bauernendspiel einzuschätzen (Weiss am Zug)?
Lösung:
Diese Stellung zeigt deutlich, wie sehr Bauernendspiele von Details abhängen:
- stünde der schwarze a-Bauer nicht auf a7 sondern auf a6, gewönne Weiss,
- verschöbe man den weissen Bauern g2 nach h2, wäre die Stellung ebenfalls für Weiss gewonnen,
- und wäre der schwarze Bauer auf h5 bereits nach h4 vorgerückt, wäre die Stellung remis.
All diese Überlegungen helfen jedoch dem Weissen nichts, denn diese Stellung ist nun mal wie sie ist — nämlich gewonnen für Schwarz. Der Fortgang der Partie soll dieses Urteil untermauern:
41. Kd2 Ke7 42. Kd3 Kd6 43. Ke4
Ähnlich hoffnungslos ist 43. Kc4 h4!, denn Weiss gerät früher oder später in Zugzwang und muss den Bauern d5 aufgegeben; z.B.: 44. a3 a6! 45. a4 a5 -+.
43... h4! 44. a4 a5 (Zugzwang!) 45. f5 gf:+ 46. Kf5: c4 47. Ke4 c3 48. Kd3 Kd5: 49. Kc3: Ke4 50. Kd2 Kf5 51. Ke3 Kg5: 52. Kf3 Kf5
Weiss gab auf.
7. Winterthurer
